Camino Francés 2011

Los ging es am 27. August mit der Fahrt im TGV 1. Klasse über Paris und Bayonne nach Saint-Jean-Pied-de-Port. Es ist schon erstaunlich, dass die französischen Züge trotz der immensen Entfernungen pünktlich sind. Ich hatte in Bayonne nur 11 Minuten zum umsteigen. Die haben aber dicke gereicht. So war ich dann nach ca. 12 Stunden am Start des Pilgerweges angekommen. Erste Kontakte zu anderen Pilgern habe ich bereits am Bahnhof von SJPdP geknüpft als es um die Frage ging, wo es denn hier zu den Herbergen geht. Im l’Esprit du Chemin durfte sich dann vor dem gemeinsamen Abendessen jeder Pilger vorstellen (wahlweise auf englisch oder französisch) und über die Motivation seiner Pilgerreise sprechen. Das war gar nicht so einfach, ist diese doch oft eine sehr persönliche Sache. Ich wollte mal mein Leben aus einer distanzierten Perspektive fernab vom Alltag betrachten und schauen, ob es da nicht noch etwas zu verbessern gibt. Zeit zum nachdenken hat man ja auf dem Weg genug und mit Mitte 40 darf man auch mal eine erste Zwischenbilanz ziehen. So lernten wir Pilger uns kennen und sind nicht mehr ganz so alleine auf den Weg in Richtung Santiago gestartet.

Am nächsten Morgen hieß es, früh aufzustehen, denn der Pilger marschiert vor Sonnenaufgang los. Das hat nichts mit dem von Herrn Kerkeling beschriebenen Bettenwettrennen zu tun, sondern dient eher dazu, der Mittagshitze in Spanien davonzulaufen und am Abend müssen ja auch die durchgeschwitzten Sachen gewaschen und getrocknet werden. Wenn man da zu spät in der Herberge ist, schafft es die Sonne unter Umständen nicht mehr, die Feuchtigkeit aus den Klamotten zu saugen. So ging es also gegen 6:30 Uhr durch das historische Pilgertor auf die Piste.

Durch den stetigen Anstieg war der Nebel im Tal schnell verlassen und es eröffntete sich ein herrliches Bergpanorama.

Unterwegs verkaufte jemand Getränke aus seinem Auto und führte mit einem Boardmarker auf dem Lack seines weißen Autos Liste über die pilgernden Nationalitäten.

Ich war der 10. Deutsche, der an diesem Tag vorbeikam. Weiter ging es durch die herrliche Bergwelt bis zum Lepoeder Pass auf 1410 m Höhe.

Wer raufläuft muss natürlich auch wieder runter und der Abstieg nach Roncesvalles ist wirklich steil, wenn man nicht die Umgehung über die Straße wählt. Den Muskelkater habe ich 4 Tage gespürt. Was solls, irgendwann war ich dann mit Carsten, meinem dänischen Pilgerfreund, nach 26 km Fußmarsch im Kloster von Roncesvalles angekommen.

Die neue Herberge ist fertig und sehr schön geworden. Ich habe für Bett Nummer 233 10 Euro bezahlt.

Nun wiederholt sich Tagesablauf auf dem Pilgerweg, letztendlich besteht dieser aus laufen, duschen, waschen, essen und schlafen. Diese Gleichförmigkeit macht es möglich, sich gedanklich um andere Dinge zu kümmern. Eine Beschreibung jedes einzelnen Tages wäre dadurch aber langweilig, außerdem gibts von dieser Art Berichte auch schon genug, weshalb ich darauf verzichte und lieber vom chronologischen ins thematische wechsele. Ein Tagebuch habe ich außerdem nicht geführt. Ich werde also ab jetzt nur noch die Dinge erwähnen, die mir besonders im Gedächtnis haften geblieben sind.

Auffällig ist auf jeden Fall die aufwändige Beschilderung des Jakobsweges.

Verlaufen kann man sich auf dem Camino Frances eigentlich nicht. In Deutschland kommt ein Wanderweg eher selten zu solchen Ehren. Dabei ist es egal, ob es sich um extra Fahr- ähm ich meine Laufspuren für Pilger

oder um Stein gewordene Kilometerangaben

handelt. Manchmal geht es auch etwas schlichter

zu, mal gibt es viele Wegweiser

oder man muss schon etwas genauer hinschauen.

Umleitungen und Baustellen

gibts es natürlich auch. Ab und zu muss man sich auch zwischen zwei Wegalternativen entscheiden.

Wenn man dann nach der vielen Lauferei mal eine kleine Pause benötigt, dann ist man froh, wenn man einen schönen Rastplatz findet. Besonders gut ist das in Kastilien/León gelöst, wo es die Area de Descanso gibt.

Von der galicischen Grenze bis nach Santiago sind Bänke dagegen Mangelware, erst in Richtung Fisterra werden sie wieder häufiger. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass, der Pilger unbedingt zur Nahrungsaufnahme in Restaurants und Bars gedrängt werden sollte. Dabei hab ich mich tagsüber mehr aus dem Rucksack ernährt,

nachdem ich mehrmals knüppelharte Bocadillos bekommen habe. Finanziell macht das zwar kaum einen Vorteil, aber man weiß wenigstens, was man bekommt.

Abends muss der Pilger natürlich irgendwo schlafen. Wenn man kein Zelt dabei hat,

und das haben die wenigsten, dann muss eine Herberge her. Oft wird schon auf dem Weg auffällig dafür geworben.

Manche Herbergen sind sehr schön, andere dagegen furchtbar eng, wie diese hier in Logrono.

Was solls, am nächsten Tag ist man ja schon wieder wo anders und kann auf eine bessere Unterkunft hoffen. Und oft genug war es ja auch schön. Die beste Herberge war meiner Meinung nach die private in Olveiroa kurz vor Fisterra. Die hat gerade erst eröffnet, alles ist neu und das Personal ist sehr freundlich. Da sind auch 12 Euro nicht zu viel. Normalerweise haben sich die Preise eher zwischen 5 und 10 Euro bewegt.

Für mich das schönste am Weg waren die Begegnungen mit anderen Pilgern. Während ich tagsüber oft alleine unterwegs war, kam ein Abendessen alleine gar nicht in Frage. Das wäre mir viel zu langweilig gewesen. Also hab ich immer versucht, deutsch- oder englischsprachige Mitpilger zum mitfuttern zu überreden. Zwar hat das nicht immer geklappt, aber wenn, dann gab das oft lustige Runden. Leider ist mein englischer Wortschatz nach einer Weile erschöpft, so dass ich an den Gesprächen mit einigen Mitpilgern irgendwann nicht mehr teilhaben konnte. An dieser Stelle muss ich unbedingt etwas tun, das habe ich mir fest vorgenommen. Mit den deutschsprachigen Pilgern klappte es besser und davon waren eine Menge auf dem Weg. Eine Pilgerin aus Kanada hat sich darüber regelrecht gewundert. Was machen die vielen Deutschen hier? So richtig konnte ich ihr das auch nicht erklären. Ich hab ihr nur gesagt, dass Österreicher und Schweizer ebenfalls deutsch sprechen, also nicht alles nur Deutsche sind.


Wo wir grad beim Essen sind. Ein Pilger verbrennt ja auf 900 km Fußmarsch nicht unwesentlich Kalorien, die wenigstens zum Teil wieder zugeführt werden müssen. Ich habe auf dem Weg 5 kg abgenommen, was ungefähr 35000 kcal entspricht, das Abnehmen ist ein positiver Nebeneffekt der Pilgerei. Zwei mal wurde selbst gekocht, wobei es sich dabei natürlich nicht um kulinarische Hochgenüsse gehandelt hat. Aber nach ca. 30 km schmecken auch Spiegeleier oder Spaghetti mit Thunfisch-Oliven-Soße erstklassig, vor allem, wenn sie mit dem richtigen Rotwein abgerundet werden. Beim Rioja hab ich übrigens die Erfahrung gemacht, dass der preiswerte Wein besser solo zu trinken ist, wärend der teure Wein eher eine Speise benötigt, um wirklich gut zu schmecken. Über das belgische Bier in den spanischen Supermärkten und Cervecerien hab ich mich auch sehr gefreut, ich liebe Leffe, Grimbergen und Co.

Was hat der Weg sonst noch so zu bieten? Naja, jede Menge Landschaft, viele Orte und Bauwerke natürlich. Beinahe jedes Stück des Weges hat seinen eigenen Reiz, ganz besonders sind mir aber die Pyrenäen, die Montes de Leon und der Camino duro in Erinnerung geblieben. Nach Astorga würde ich gerne noch einmal fahren (oder laufen) und die vielen alten Brücken haben es mir angetan. Aber an dieser Stelle lasse ich einfach einmal ein paar Bilder sprechen.


Bleibt die Frage nach dem Warum. Was hab ich überhaupt dort gewollt? Diese Frage wurde mir oft gestellt. Warum bin ich an die spanisch französische Grenze gefahren und hab mir diesen Fußmarsch, der nicht immer nur leicht war, eigentlich angetan? Warum bin ich in meinem Jahresurlaub jeden Morgen um 6 Uhr aufgestanden, um dann mit einem 10 kg schweren Rucksack 25 – 30 km zu laufen, hinterher Wäsche zu waschen, mit etlichen Schnarchern in viel zu großen Schlafsälen zu schlafen, abends an der Dusche und morgens am WC anzustehen? Es war eine Mischung aus Abenteuerlust und Sinnsuche, die mich antrieb. Mal raus aus der Tretmühle, mal was ganz anderes machen und dabei die Zeit haben, über sich selbst und sein Leben nachzudenken. Was war gut, was sollte ich in Zukunft anders machen? Gott habe ich übrigens nicht gesucht, wie man dem Pilger oft nachsagt. Das hat für mich auf dem Weg nicht so die entscheidende Rolle gespielt. Er war einfach da. Klingt jetzt vielleicht komisch, ist aber so.

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